Baumhaus-Abenteuer in Costa Rica (Teil 2)

Teil 2: Eine Nacht im Blätterdach des Regenwaldes

Text und Bilder: Jürg Sommerhalder

Es ist drückend heiss. Der Schweiss rinnt uns von der Stirn in die Augen, als wir in Einerkolonne einem schmalen Trampel-Pfad folgen, der in den Wald hineinführt. Während der Nacht hat es geregnet. Der Waldboden ist aufgeweicht, meine Gummistiefel sinken tief ein und verursachen bei jedem Schritt schmatzende Geräusche.

Die ersten Meter führen uns durch Sekundärwald: Die costaricanische Kakao-Industrie fiel vor knapp 40 Jahren der Moniliasis (Pilzbefall mit Moniliophthora roreri) zum Opfer. Sie brach innert Jahresfrist komplett zusammen, und der Regenwald begann unmittelbar mit der Rückeroberung des ‚gestohlenen’ Bodengrunds. Heute erkennt nurmehr ein kundiger Beobachter den Unterschied: Mitten im grünen Wust des neu entstandenen Regenwaldes gedeihen noch einzelne überlebende Industrie-Kakaobäume.

Nach einigen Hundert Metern durchwaten wir einen Bach und dringen in den ursprünglichen Primärwald ein: Hier hatte der Mensch noch nie das Kommando, hier war auch er stets nur Teil eines funktionierenden Ökosystems. Misa, einer von Peters indigenen Mitarbeitern, zeigt mir einen früchtetragenden, wilden Kakaobaum. Der Unterschied zum Zucht-Kakao ist augenfällig: Seine Früchte sind winzig, aber – so Misa – bedeutend gehaltvoller als die domestizierten.

Unser Marsch dauert eine Stunde und führt uns immer tiefer in den ursprünglichen Regenwald hinein. Schliesslich stehen wir am Fusse des mächtigen Urwaldriesen, in dessen Krone wir die Nacht verbringen sollen. Ich lege den Kopf in den Nacken und starre hoch. Weit oben im Baum entdecke ich die kreisrunde, grüne Plattform. Erst jetzt wird mir klar, wie hoch acht Stockwerke sind, und dass ich an einem Nylonseil da hochklettern soll, denn eine Treppe oder einen Aufzug gibt es hier nicht.

Der Aufstieg zum Baumhaus erweist sich als so anstrengend wie erwartet. Trotzdem dauert es nur einige Minuten, bis ich mich oben angekommen schweratmend des Klettergurts entledige. Ich werde unmittelbar für die Anstrengung belohnt: Die kilometerweite Aussicht über das tiefgrüne Blätterdach des Regenwaldes bis hin zur türkisfarben funkelnden karibischen See, die in der Ferne an den leuchtend blauen Himmel stösst, ist atemberaubend.

Nachdem auch mein Reisebegleiter den Aufstieg geschafft hat, winken wir zu Peter und Misa hinunter und schliessen die Bodenlucke. Das Hauptziel unseres Baumhaus-Abenteuers ist die Beobachtung der Bewohner des Regenwald-Daches. Dies ist normalerweise nur mit dem Risiko einer Nackenstarre aus der Ferne möglich, hier oben soll man ihnen auf Augenhöhe begegnen können. Es ist vier Uhr nachmittags. Die Haupt-Aktivitätszeiten der Regenwaldtiere sind die Morgen- und die Abenddämmerung, und schon bald beginnt sich im Wald rund um uns herum Leben zu regen. Eine Horde Brüllaffen zieht vorüber, und auf den kahlen Ästen eines toten Baumes wenige Meter neben dem Baumhaus landen zwei Regenbogen-Tukane (Ramphastos sulfuratus). Fast zeitgleich setzen auf der entgegengesetzten Seite der Plattform andere Vogel-Rufe ein und ich entdecke im Geäst einen Braunrücken-Tukan (Ramphastos swainsonii). Bald erschallt rund um uns herum das ohrenbetäubende Gezänk Dutzender Amazonen, und auf dem Nachbarbaum entrollt sich ein grünlich-beiges Fellknäuel: Ein grosses Dreizehen-Faultier kratzt sich ausgiebig und beginnt dann seinen behäbigen Aufstieg, um in den Baumkronen vom grünen Laub zu naschen.

So dicht am Äquator ist die Dämmerung von kurzer Dauer. Die untergehende Sonne färbt den Horizont während einiger Minuten rot ein, dann legt sich rasch Dunkelheit über uns und den Wald. Die Affen, Amazonen und Tukane sind verstummt. Kurze Zeit später erklingt unter uns ein leiser Pfiff. Wir öffnen die Bodenlucke und lassen das Seil hinunter. Misa winkt zu uns hoch, dann klinkt er eine Tasche in den Karabinerhaken am Ende des Seils ein, winkt nochmal kurz und schon ist der hüpfende Kegel seiner Stirnlampe wieder im Dickicht verschwunden. Wir ziehen das Seil hoch und machen uns über das gelieferte Abendessen her.

Anschliessend ziehen wir uns unter die Moskitonetze im Obergeschoss zurück. Im angenehm kühlen Klima des Blätterdaches lausche ich dem nächtlichen Konzert des Regenwaldes. Die nach Liebe heischenden Rufe der Laubfrösche, das stete Surren der Zikaden und die sehnsüchtigen Rufe der Nachschwalben wiegen mich in den Schlaf.

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